German LettersWilhelm
von Humboldt (1767 -
1835) |
Like Goethe, Wilhelm von Humboldt successfully combined
the roles of scholar and statesman. As scholar, his chief interests lay in
the areas of philology, philosophy, literature, and history; as statesman,
he represented the Prussian government on many occasions, most notably
perhaps at the Congress of Vienna in 1814-15, and he effected important
educational reforms in Prussia. He was the brother of Alexander von
Humboldt, natural scientist of world renown. From 1794 to 1797 Wilhelm von Humboldt resided in Jena, where Schiller
also lived. There the two men became good friends. Humboldt then moved to
Paris and, in 1801, to Rome, where he lived until 1808 as Prussian consul.
The following letter to Goethe, written from Rome approximately one month
after Schillers death, expresses an entirely positive appraisal of
Schiller, which thus offers a strong contrast to that of Caroline Schlegel
Schelling. Not inappropriately, Humboldt refers to the close bond of
friendship that had existed between Goethe and Schiller. Indeed, Goethe
himself wrote to the composer Karl Friedrich Zelter on June 1, 1805, that
he had lost in Schiller "einen Freund und die Hälfte meines Daseins." |
s
Andenken (-) - remembrancee Art (-en) - manner, way; kind s Band (¨-er) - bond; ribbon; tape besitzen (besaß, besessen) - possess, own erhalten (ä; ie, a) - receive; preserve ernstlich - serious(ly) r Ersatz - substitute, replacement | ewig
- eternalgegenseitig - mutual e Kunst (¨-e) - art s Papier (-e) - paper schmerzen (reg.) - grieve; hurt sich sehnen (reg.) nach - yearn for e Trennung (-en) - separation | e
Umgebung (-en) - environment; (pl.)
surroundingsunbekannt - unknown unmittelbar - direct(ly) unvollendet - incomplete s Wesen (-) - being zerreißen (i, -issen) - tear, rip up zwar - to be sure, indeed |
|
Wilhelm
von HumboldtAn Johann Wolfgang von Goethe Rom, 5. Juni 1805 (...) Sie, lieber Goethe, sollten jetzt den
nächsten Winter in Italien zubringen. Solange Schiller lebte,
hätte ich Sie nie recht ernstlich einladen mögen. Sie besassen
sich gegenseitig, keiner von Ihnen hätte für eine längere
Trennung Ersatz gefunden. Jetzt, da dies Band zerrissen ist, sollten
Sie auf eine Zeit ein schöneres Land und die Umgebungen suchen, die
Ihnen schon aus dem Andenken so wert sind. (...) Sagen Sie mir doch bald, ob sich unter Schillers Papieren noch
etwas uns Unbekanntes erhalten hat. Ich glaube es zwar nicht, es war
nicht seine Art, etwas lange liegen zu lassen. Es schmerzt mich
jetzt, daß er in den letzten Jahren so wenig Prosaisches
geschrieben hat. Der Schriftsteller spricht in der Prosa mehr
unmittelbar sich aus, und nach ihm, nach einem Laute seines Wesens
sehne ich mich. Wie aber in Leben und Kunst alles so ewig
unvollendet bleibt! |
hätte ... mögen:
sujbunctive II, past of möchte wert: dear etwas uns Unbekanntes: something unknown to us Prosaisches: prose / Schriftsteller: writer / sich
aussprechen: express oneself / Laute: sound |
|
e
Bahn (-en) - course; trackbeinahe - nearly, almost dramatisch - dramatic(ally) eigentlich - actual(ly) erreichen (reg.) - reach; arrive at; attain r Fortschritt (-e) - progress intellektuell - intellectual | e
Kraft (¨-e) - powerkritisch - critical e Produktion (-en) - production e Reihe (-n) - row; sequence s Schauspiel (-e) - play, drama sicher - safe(ly), secure(ly); certain(ly) | e
Verbindung (-en) - connection; union;
bondr Versuch (-e) - attempt e Verwirrung (-en) - confusion vollenden (reg.) - complete r Wunsch (¨-e) - wish r Zenit - zenith |
|
Jedes
Schauspiel Schillers ist eigentlich ein neuer Versuch; er ging immer
von der Liebe zur Kunst, immer von dem Wunsche, ihr eine neue Seite
abzugewinnen, aus, und kaum möchte ich sagen, daß die große Reihe
seiner dramatischen Produktionen ein Resultat darüber vollendet
hätte. In jedem ist ein sicherer Fortschritt, wenigstens immer
einer, durch den man dem Ziel, das er sich vorstreckte, näher kommt;
hätte er gelebt, er hätte endlich gewiß klar gesehen und sich bis
zum Gipfel hinausgearbeitet; nach ihm, wer kann auf dieser Bahn
weitergehen? In wem ist diese Verbindung kritischer und
intellektueller Kraft? Es wäre schrecklich, wenn die deutsche
Poesie ihren Zenit schon wieder erreicht haben sollte, da beinahe
wir sie entstehen sahen. Und doch ist es gewiß so. Erhalten Sie
sich jetzt uns, mein Teurer. Verlieren wir auch Sie einmal, so ist
überall Nacht und Verwirrung. |
ging ... aus: started
abgewinnen: win from das er sich vorstreckte: that he established for himself hisausarbeiten:
hinaus adds direction to arbeiten / Verbindung: union Poesie: poetry |
|
A.
Answer in German.
1. Wohin sollte Goethe im nächsten Winter fahren? 2. Warum hatte ihn Humboldt nicht früher eingeladen? 4. Was sollte Goethe unter Schillers Papieren suchen? 5. Warum war es unwahrscheinlich, daß Papiere gefunden werden, die
Goethe und Humboldtunbekannt waren? 6. Warum schmerzte es Humboldt, daß Schiller in den letzten Jahren so
wenig Prosa geschrieben hatte? 7. Was wollte Schiller mit jedem neuen Schau- spiel? 8. Hatte Schiller sein künstlerisches Ziel erreicht? 9. Was wäre geschehen, wenn er länger gelebt hätte? 10. Was gelingt Schiller in seinen Werken? 11. Warum war es Humboldt äußerst
wichtig, daß Goethe nicht stirbt? |
B.
Unreal conditions: Fill in the blanks as indicated.
1. Wenn Schiller __________ ________ (had lived),________
Humboldt Goethe nicht ___________ (would ... have invited). 2. ________ entweder Schiller oder Goethe aufeine
längere Reise ____________ (If ... had gone) , ________ derZurückgebliebene
keinen Ersatz ___________ (would ... have found). 3. Wenn das Band zwischen ihnen nicht zerrissen ________ (were),
__________ Goethe nicht auflängere Zeit nach
Italien _________ (would ... be able to travel). 4. Wenn in Leben und Kunst alles nicht so ewig unvollendet __________
(did ... remain)! 5. ________ Schiller sein Ziel ___________ (Would ... have reached),wenn er nicht ____________ ________ (had ... died)? 6. Was ________ er für die Kunst ________ (would ... do),wenn
er noch __________ (were alive)? 7. Wenn die Welt Goethe ___________ (were to lose),________ (would be) überall Nacht und Verwirrung. |
C.
Imperatives: Change each of the following formal command-forms to a)
familiar singular and b) familiar plural. Translate. (All three forms have
the same translation.)
1. Verbringen Sie den nächsten Winter in Italien! 2. Suchen Sie die Orte aus, die Ihnen aus der Erinnerung wertvoll sind!
3. Sagen Sie es mir doch bald! |
D.
Express in German.
1. Humboldt knew that Goethe had long wanted to return to Italy. 2. Goethe had not gone to Italy in recent years because a separation
from Schiller would have been painful for both men. 3. Humboldt wants Goethe to tell him if anything unfamiliar has been
found among Schiller's papers. 4. Humboldt wishes that Schiller had written more prose in the last
years of his life. 5. He thinks that a poet expresses himself more directly in prose than
in poetry. 6. According to Humboldt, Schiller attempted in every play to come
closer to his goal. 7. Humboldt wrote that German literature had reached its zenith in
Schiller. 8. He asks Goethe to keep himself healthy; if Goethe were to die, he
says, there would be confusion everywhere. |
Research suggestion: The
personal relationship between Goethe and Schiller, from their first
meeting in 1794 until Schiller's death in 1805. |